Presseschau: Schwarzfahrerquote bei der BVG ist im ersten Corona-Jahr deutlich gestiegen

Senat gibt die Zahlen für 2020 bekannt. Im Berliner Nahverkehr wurden über eine halbe Million Menschen ohne Ticket erwischt, bei der S-Bahn mehr als zuvor.

von Peter Neumann

Berlin – Corona hat Busse und Bahnen in Berlin geleert. Trotzdem wurden im vergangenen Jahr bei der S-Bahn mehr Schwarzfahrer erwischt als im Jahr zuvor. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) wiederum ist der Anteil der Menschen, die kein gültiges Ticket vorweisen konnten, deutlich gestiegen. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Anfrage des Linke-Abgeordneten Sebastian Schlüsselburg hervor. „Der gestiegene Anteil von Menschen ohne Fahrschein trotz insgesamt gesunkener Fahrgastzahlen besorgt mich“, sagte der Rechtspolitiker zu der Entwicklung bei der BVG.

Die Fahrkarten, bitte! Im vergangenen Jahr wurden bei Kontrollen im Berliner Nahverkehr insgesamt fast 550.000 Menschen ohne Ticket angetroffen, so Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese (Grüne) in seiner Antwort. Das sind nicht viel weniger als im Jahr davor, als 623.000 Schwarzfahrer ertappt wurden. Dabei ist die Zahl der Fahrgäste stark zurückgegangen, weil Berufstätige im Homeoffice arbeiten und vieler Menschen Bahnen und Busse meiden – aus Angst vor Ansteckung. Wurde die BVG 2019 noch für 1,126 Milliarden Fahrten genutzt, waren es 2020 nur noch 728,5 Millionen.

Wie sieht nun die Schwarzfahrerstatistik für das erste Jahr der Pandemie aus? Bei der BVG wurden mehr als 6,9 Millionen Menschen bei Kontrollen nach ihren Tickets gefragt, so Streese. Rund 249.000 Fahrgäste hatten keinen gültigen Fahrschein dabei – eine Quote von 3,6 Prozent. 2019, im letzten Jahr vor Corona, lag der Schwarzfahreranteil noch bei drei Prozent. Damals wurden 11,4 Millionen BVG-Fahrgäste kontrolliert.

BVG verzichtet auf Kontrollen in vollen Fahrzeugen

Anders ist das Bild bei der S-Bahn Berlin. Obwohl sie im ersten Corona-Jahr ebenfalls weniger Fahrgäste beförderte, wurden dort mehr Menschen kontrolliert – noch dazu mehr als bei der BVG. In Zahlen: 2019 wurden 9,3 Millionen Menschen nach ihren Fahrscheinen gefragt, 2020 waren es 9,8 Millionen. Die Zahl der erwischten Schwarzfahrer stieg von 280.000 auf 300.000. Die Quote blieb mit 3,06 Prozent nahezu unverändert. Warum gingen mehr Schwarzfahrer als vor Corona ins Netz? „Vielleicht lag es daran, dass die Kontrolleure in den etwas leereren Zügen schneller vorankamen und pro Schicht mehr Fahrgäste nach ihren Tickets fragen konnten“, hieß es in S-Bahn-Kreisen. 

S-Bahn und BVG eint, dass zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr keine oder fast keine Fahrscheinkontrollen stattfanden. „In der Phase des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 wurden die Kontrollen vorübergehend ausgesetzt“, sagte eine Sprecherin der S-Bahn am Freitag. Im März und April 2020 sei „zeitweise gar nicht kontrolliert“ worden, erklärte BVG-Sprecher Jannes Schwentu, ebenfalls auf Anfrage. „Seitdem finden die Kontrollen, auch im Bus, unter strenger Beachtung der Corona-Hygieneregeln statt.“ Das Prüfpersonal trage medizinische Masken und achte darauf, viel Abstand zu halten. Wann immer möglich, würden Tickets nicht in die Hand genommen, sondern auf Sicht geprüft. Auch verzichte die BVG auf Kontrollen in besonders vollen Fahrzeugen.

Warum ist die Schwarzfahrerquote bei der BVG gestiegen? „Es liegt die Vermutung nahe, dass in der Pandemie die Sozialstruktur der Nahverkehrsnutzer ins Rutschen gekommen ist“, sagte Sebastian Schlüsselburg. „Mobilität darf aber nicht vom Geldbeutel abhängen, sie ist ein Grundrecht. Das macht deutlich, dass wir dringend über Modelle für einen fahrscheinfreien Nahverkehr reden müssen.“ Andere Beobachter entgegnen, dass nicht nur Geringverdiener das Fahrgeld sparen. „Ich würde davor warnen, Schwarzfahren mit dem Sozialstatus der Fahrgäste in Verbindung zu bringen. Auch Anzugträger werden ohne Fahrschein angetroffen“, hieß es in Nahverkehrskreisen.

156 Menschen wegen des „Erschleichens von Leistungen“ im Gefängnis

Das erhöhte Beförderungsentgelt beträgt 60 Euro. Doch längst nicht jeder Schwarzfahrer zahlt die Zeche. So wurden bei der S-Bahn 2020 wie schon im Jahr davor nur 38 Prozent der offenen Forderungen beglichen, teilte der Senat mit. Die BVG verlangte im vergangenen Jahr insgesamt fast 15 Millionen Euro von Schwarzfahrern, aber lediglich  6,1 Millionen Euro kamen in die Kasse – ein ähnlich niedriger Anteil.

Meist würden die 60 Euro nicht bezahlt, weil die Betroffenen es aus finanziellen oder psychologischen Gründen nicht können, so Schlüsselburgs Erklärung. „Sie in das Gefängnis zu schicken, ist unverhältnismäßig teuer und hilft niemandem weiter.“ Nach Angaben des Senats saßen am Stichtag 2. Februar 2021 insgesamt 156 Menschen wegen des Erschleichens von Leistungen in Berliner Justizvollzugsanstalten ein – dieser Straftatbestand umfasst unter anderem das Fahren ohne Ticket. Rund ein Jahr zuvor saßen 70 „Leistungserschleicher“ in Berliner Gefängnissen.

Der Abgeordnete hofft, dass viele Bundesländer Berlin dabei unterstützen, das Schwarzfahren aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Schlüsselburg: „Es kann nicht sein, dass das Parken ohne Parkschein nur eine Ordnungswidrigkeit, das Fahren ohne Fahrschein aber eine Straftat ist.“

Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/schwarzfahrerquote-bei-der-bvg-ist-im-ersten-corona-jahr-deutlich-gestiegen-li.141000