Presseschau: Nur drei Bezirke haben für ihre einsamen Toten noch Blumen

19.05.2022 | Von Hildburg Bruns

Die Zahl der Behörden-Bestattungen steigt in Berlin weiter an. Oft sind keine Angehörigen bei der Beisetzung dabei.

Freitags bekommt Bernd Simon (57) 50 Urnen geliefert – sein Pensum für die nächste Woche. Es sind die einsamen Berliner ohne Angehörige, die er im 45-Minutentakt beisetzt. Ihre Zahl steigt. Traurig: Nur drei Bezirke würdigen die Verstorbenen auch mit einem kleinen Blumenschmuck.

Zwei weiße Engel säumen den Weg zur Kapelle auf dem Domfriedhof von St. Hedwig in Mitte. Um 8 Uhr lässt der Träger die erste Öko-Urne (löst sich nach 10 bis 13 Jahren auf) an einem Nylonnetz ins Erdloch sinken. Er verbeugt sich, sagt: „Ruhe in Frieden.“

Dann rollt sein Kollege Ivan Janzen (62) mit einer Schubkarre heran, gräbt mit zwei Spezialspaten daneben das nächste Loch, schüttet den Aushub auf die gerade eingesetzte Urne, harkt die Stelle. Um das neue Loch legt er ein Stück Kunstrasen, im Hintergrund brummt ein Rasenmäher.

 Die Zahl solcher „ordnungsbehördlichen Bestattungen“ (Amtsdeutsch) stieg von 2614 (2020) auf 2733 (2021). Weniger wurden dagegen die sogenannten Sozialbestattungen, die von den Bezirken auch übernommen werden, wenn Angehörige nicht zahlen können (2020: 1555, 2021: 1240).

Im Schnitt wird zwei Monate nach dem Todesfall eines Alleinstehenden auf Kosten der Bezirke (siehe Tabelle, unten) beigesetzt. Die Kosten schwankten im Vorjahr mit der Zahl der Fälle: von 307.817 Euro in Neukölln bis 89.124 Euro in Friedrichshain-Kreuzberg.

Aber die Bezirke haben auch unterschiedliche Standards. „Nur Treptow-Köpenick, Pankow und neuerdings auch Friedrichshain-Kreuzberg übernehmen je Urne 15 Euro für Blumenschmuck“, sagt Bestatter Hartmut Woite (78, Berolina Sargdiscount), der die Beisetzungen von Alleinstehenden im Land Berlin organisiert.

Kreuzbergs Vizebürgermeister Oliver Nöll (51, Linke): „Ich finde, für eine würdevolle Bestattung in unserer oft so anonymen Gesellschaft gehört Blumenschmuck dazu.“

► Der Abgeordnete Sebastian Schlüsselburg (39, Linke) fordert jetzt vom Senat einheitliche Ausführungsvorschriften. Er will eine Regelung, „die gewährleistet, dass in allen Bezirken bei allen ordnungsbehördlichen Bestattungen ein Blumenschmuck, Musik sowie eine säkulare Grabrede realisiert werden“.

Urnen-Träger Simon bemüht sich schon jetzt um einen würdevollen letzten Weg: Auf jede Urne legt er drei weiße Chrysanthemen-Blüten, in der Kapelle läuft eine CD mit Orgelmusik – Ave Maria von Mozart und Schubert.

Bei der sechsten Urne des Tages kommen sogar ein paar Kollegen und Bekannte der verstorbenen Silvia W. (60). Der Pflegerin war beim Radfahren ein Gefäß im Hirn geplatzt. Eine ihrer Patientinnen, die selbst ans Bett gefesselt ist, schickt zum Abschied ihre Nachbarin (83) mit einem Orchideen-Gesteck. Von Angehörigen, die die Kosten übernehmen würden, weiß hier aber niemand etwas.

Der siebten Urne folgt wieder keiner. „Wie bei 70  Prozent aller Beisetzungen“, sagt Träger Simon. „Ich finde, das ist ein Unding.“

Auch bei Gedenk-Kränzen wird gespart

An Gedenktagen spart sich das Bezirksamt der City-West fast jede zweite Kranzniederlegung. Grund: Der Etat für Repräsentation schrumpft in Charlottenburg-Wilmersdorf voraussichtlich von zunächst geplanten 35. 000 auf 24. 800 Euro.

Es gilt also, 10.000 Euro einzusparen. Statt wie im Vorjahr 25 Kranz- und Gesteck-Niederlegungen wird es 2022 nur noch 15 geben, worüber zuerst der „Tagesspiegel“ berichtet hatte.

Bei der Begründung spielt neben der „höchst angespannten haushalterischen Situation“ ebenso eine Rolle, dass sich ja auch Verbände, Vereine, Parteien engagieren. So legte an der Stele für Magnus Hirschfeld (Begründer der Homosexuellen-Bewegung) die SPD-Fraktion einen Kranz nieder.

Bürgermeisterin Kirstin Bauch (41, Grüne) will zu Anlässen mit überragender historischer Tragweite auch weiterhin einen Kranz niederlegen lassen. Dazu gehören Mauerbau, der Tag der ersten Deportation Berliner Jüdinnen und Juden, der 9. November.

Quelle: https://www.bz-berlin.de/berlin/nur-drei-bezirke-haben-fuer-ihre-einsamen-toten-noch-blumen