Presseschau: Enger wohnen am Stadtrand

Immer mehr Berliner drängen sich in zu kleinen Wohnungen außerhalb der Innenstadt

  • Von Nicolas Šustr

Mit dem Laptop auf dem Balkon oder im großzügigen Arbeitszimmer von zu Hause aus arbeiten. Nicht wenige schwärmen dieser Wochen über ihre schönen Erfahrungen im Homeoffice, manche posten auch Bilder davon in sozialen Netzwerken. Viele andere Berliner erleben den coronabedingten Lockdown weitaus weniger idyllisch. Denn ungefähr jedem achten Hauptstadtbewohner stehen pro Kopf maximal 19 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Inklusive Bad, Küche, Flur, also nicht nur Wohnräume. 415 000 Berliner wohnen so, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Pankow, dem bevölkerungsstärksten Bezirk der Hauptstadt.

»Die Coronakrise verschärft viele soziale Probleme zusätzlich. Das wird besonders deutlich bei der leider zunehmenden Wohnraumarmut«, sagt Sebastian Schlüsselburg, rechtspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, der die Zahlen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen als Antwort auf eine Schriftliche Anfrage erhielt. »Das birgt gerade in Pandemie-Zeiten, aber nicht nur in diesen Zeiten, sozialen Konfliktstoff etwa in Bezug auf häusliche Gewalt oder die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Aber auch in Hinblick auf die Chancengleichheit bildungsferner Haushalte lassen diese Werte für die schulische Leistungsfähigkeit von Kindern bei Hausaufgaben oder wie jetzt im Homeschooling nichts Gutes ahnen«, erklärt Schlüsselburg.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil derjenigen gestiegen, die in sehr beengten Verhältnissen leben müssen. 2014 lag dieser noch bei 10,8 Prozent, vier Jahre später waren bereits 11,6 Prozent betroffen. Rechnerisch standen 2014 jedem Berliner noch 38,78 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, 2018 waren es noch 38,09 Quadratmeter. Inzwischen hält der hochgelaufene Neubau Schritt mit dem Bevölkerungszuwachs der letzten Jahre, der sich im Gegenzug auch abgeschwächt hat. 19 000 Wohnungen wurden laut Statistischem Landesamt Berlin-Brandenburg 2019 fertiggestellt.

Und es sieht so aus, als ob der Neubau weiter anziehen wird. Im ersten Quartal 2020 wurden Baugenehmigungen für über 5300 neue Wohnungen erteilt, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit haben sich die Prophezeiungen der Gegner, dass der Mietendeckel den Neubau abwürgt, bisher nicht bewahrheitet. Auch wenn die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften allein über 4500 der neuen Wohneinheiten errichtet haben – gebaut wird nach wie vor hauptsächlich im teuren Segment.

Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1137027.berliner-wohnungsmarkt-enger-wohnen-am-stadtrand.html