Presseschau: Einkommensatlas Im Südwesten Geld-Regen, im Nordosten Konto-Dürre

BDie Berliner Wirtschaft brummt und die Arbeitslosigkeit sinkt. Seit Jahren! Und doch ist das Armutsrisiko für Berliner in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Das ergibt eine Datenauswertung, die dem KURIER exklusiv vorliegt. Und das liegt vor allem an den steigenden Mieten. Die fressen bei vielen Bürgern den Lohnzuwachs auf.

Armutsrisiko steigt an – Gesellschaft driftet auseinander

Genau 17,4 Prozent der Berliner sind laut Mikrozensus 2017 armutsgefährdet, vor zehn Jahren waren es noch gut drei Prozent weniger. Das teilte die Senatsverwaltung für Arbeit nun auf Anfrage des Abgeordneten Sebastian Schlüsselburg (Linke) mit. Für Schlüsselburg ist klar: „Ein wesentlicher Grund dafür ist der Mietenwahnsinn in dieser Stadt.“ Es seien Berlinerinnen und Berliner, die hier seit Jahren faktisch trotz Lohnsteigerungen enteignet würden.

Tatsächlich geht zunehmend ein Riss durch Berlin. Für Pankower Bürger hat sich das Risiko, arm zu werden, seit 2005 halbiert hat. Die Armutsquote fiel ivon seinerzeit 13 Prozent auf 6,8 Prozent. Das ist übrigens der niedrigste Wert in Berlin. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg sank sie deutlich. In Spandau hingegen stieg sie am stärksten (von 15,7 auf 24,1 Prozent). Das liegt auch daran, dass viele ärmere Berliner inzwischen wegen der noch günstigen Mieten in Spandauer Großsiedlungen gezogen sind.

Es geht um Verdrängung. Als armutsgefährdet gilt, wer mit 60 Prozent des mittleren Durchschnittseinkommens auskommen muss. In Spandau ist es nun bereits jeder Vierte. „Wir müssen verhindern, dass die Stadt zwischen Zentrum und Peripherie weiter auseinanderdriftet“, sagt Schlüsselburg. Das klingt schon so, als würde sich Berlin wie Paris entwickeln, wo viele Armen längst außerhalb des Autobahnrings wohnen. Der Reichtum verteilt sich tatsächlich sehr ungleichmäßig über Berlin: Dafür gibt es sogar eine Reichen-Statisik. Und die wird vom Berliner Südwesten angeführt: In Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf gelten jeweils gut 16 Prozent als reich.

Berliner haben mehr Geld zur Verfügung

Das heißt: Sie haben mindestens 200 Prozent mehr Geld zur Verfügung als der Berliner Durchschnittsverdiener. Die niedrigste Reichen-Quote haben Marzahn-Hellersdorf (5 Prozent), Lichtenberg 3,8 Prozent) und Neukölln (3,5 Prozent).

Dabei ist der Berliner Osten sogar beruflich besonders qualifiziert. Das zeigt die Quote zur Bildungsarmut. Sie markiert den Anteil der Menschen, die keinen Beruf gelernt haben. Diese Quote ist in Pankow (6,1 Prozent) besonders niedrig und auch in Treptow-Köpenick (9,4 Prozent). Schon an dritter und vierter Stelle folgen Lichtenberg (10,4 Prozent) und Marzahn-Hellersdorf (11,4 Prozent). Der Berliner Osten hat also hier bessere Werte als die westlichen Bezirke. Besser auch als das wohlhabende Steglitz-Zehlendorf.

Das hängt wohl auch damit zusammen, dass zu DDR-Zeiten nahezu jeder Bürger einen Beruf erlernen musste, und diese Haltung an die Nachfahren weitergegeben hat, heißt es unter Experten. Generell hat die Anzahl der Geringqualifizierten in Berlin in den letzten Jahren abgenommen.

Insgesamt verdienen Berliner aber mehr. In allen Bezirken stieg die Zahl der Haushalte, die netto mehr als 3200 Euro zur Verfügung haben an. Spitzenreiter ist Steglitz-Zehlendorf mit 33 Prozent, Schlusslicht Neukölln hat 15 Prozent. Und es gibt weniger Haushalte, die mit weniger als 900 Euro auskommen müssen. Im Jahr 2013 waren das in Pankow noch 14 Prozent aller Haushalte. Jetzt nur noch vier Prozent.

Quelle: https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/einkommensatlas-im-suedwesten-geld-regen–im-nordosten-konto-duerre-32395090