Presseschau: 623.000 Mal erwischt! Die notorischen Schwarzfahrer

von Christian Gehrke

Die Zahl der Schwarzfahrer im öffentlichen Nahverkehr steigt. 2019 erwischten die Kontrolleure 623.000 Menschen, die in S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn oder Bus ohne Ticket unterwegs waren. Allein die BVG meldet einen Anstieg um mehr als 40.000 Schwarzfahrer im Vergleich zu 2018. Weil sie Bußgelder nicht zahlen konnten, sitzen Dutzende Ticket-Sünder in Berliner Gefängnissen ihre Strafe ab. Ihre Unterbringung im Knast kostet viel Geld.

Die aktuellen Zahlen gab der Senat nach einer parlamentarischen Anfrage der Linken bekannt. Zum Anstieg kommt es natürlich auch, weil insgesamt mehr Fahrgäste im Nahverkehr unterwegs sind als in den Vorjahren. 2019 hat die BVG allein 24 Millionen mehr Leute befördert als noch 2018. Somit gab es unweigerlich mehr Kontrollen und so eben auch mehr schwarze Schafe.

Doch auch im Verhältnis betrachtet bleiben die Schwarzfahrer-Quoten hoch oder steigen sogar. Inzwischen drei Prozent fahren in Berlin ohne Ticket. Bei der S-Bahn ging die Quote um 0,4 Prozent nach oben. Bei der BVG ging die Schwarzfahrer-Quote um 0,1 % zurück, in absoluten Zahlen aber nach oben.

Trotz Schwarzfahrern: Ticket-App der BVG kommt gut an 

„Die Leute denken immer, Schwarzfahren ist ein Kavaliersdelikt. Doch das stimmt natürlich nicht“, sagt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband (IGEB). Nach seiner Einschätzung fahren nicht nur Menschen schwarz, die kein Geld haben oder als sozial schwach gelten. „Das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten“, erklärt er dem KURIER. 

Warum die Schwarzfahrer-Quoten so hoch bleiben, kann Jens Wieseke nicht verlässlich sagen. Er vermutet aber: „Manche Menschen sind einfach ignorant. Das Geld, dass sie sparen wollen, fehlt an anderer Stelle. Sie glauben, dass sei schon okay so.“

BVG-Sprecherin Petra Nelken sagt: „Die Leute müssen das Gefühl haben, dass sie erwischt werden.“ Mit Ticketabos, die sich monatlich automatisch verlängern, versucht die BVG gegenzusteuern. Die Ticket-App, mit der Fahrscheine automatisch gekauft werden können, komme gut an.

Was nicht jeder weiß: Rechtlich gesehen ist Schwarzfahren eine Straftat. Wer in Berlin dreimal ohne Fahrschein erwischt wird und die Geldstrafe nicht zahlt, bekommt ein Strafanzeige. Die BVG stellte im letzten Jahr fast 11.000 Strafanträge. Wenn es zu Verurteilung kommt, droht das Gefängnis. In Berlin saßen etwa am 29. Januar 2020 70 Schwarzfahrer ihr Strafe ab. Und ein Hafttag ist ziemlich teuer für Berlin: 161 Euro pro Häftling.

Schwarzfahren soll keine Straftat mehr sein 

Sebastian Schlüsselburg von den Linken hat die Kleine Anfrage gestellt. Er regt sich darüber auf, dass Menschen ohne Ticket irgendwann im Gefängnis landen. „Dreimal S-Bahn-Fahren kostet 9 Euro und nicht über 161 Euro“, sagt er. Berlin gebe hier unnötig viel Geld aus. Schlüsselburg empfindet es als unfair, dass Schwarzfahren eine Straftat ist, Falschparken aber als Ordnungswidrigkeit geahndet wird.

„Der Strafeffekt bringe den Betroffenen überhaupt nichts“, ärgert sich Schlüsselburg. Nicht selten seien Betroffene psychisch erkrankt und hätten Suchtprobleme. „Diese Menschen brauchen Hilfe und kein Gefängnis.“ Der Senat hat jetzt eine Bundesratsinitiative eingebracht, damit Schwarzfahren keine Straftat mehr ist. Über sie wird aktuell beraten. Jens Wieseke vom Fahrgastverband schlägt alternativ vor, Schwarzfahrern die Nutzung von S-und U-Bahn zu verbieten. „Das hilft“, sagt er.

Quelle: https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/623-000-mal-erwischt–die-notorischen-schwarzfahrer–36242556