Kalter Schulkrieg in Reinickendorf

Derzeit wird in Reinickendorf ein Stück aufgeführt, dass man längst schon in der Mottenkiste der Geschichte wähnte: Der Kalte Schulkrieg, Gassenhauer der BRD in den 1970er Jahren des vergangenen Jahtausends, erstrahlt wieder in vollem Glanz. Hauptdarstellerin, Regiesseurin und einziger zahlender Zuschauer ist die örtliche CDU.

Deren Bildungsstadträtin sieht sich in der Rolle der Jeanne D’Arc – die letzte aufrechte Kämpferin für das Schulsystem aus Kaiserzeiten. Sie weigert sich die Hannah-Höch-Grundschule und die Greenwich-Sekundarschule zu einer Gemeinschaftsschule zu fusionieren, an der die Kinder von der ersten Klasse bis zum Abitur gemeinsam lernen können. In Berlin gibt es mittlerweile 20 Gemeinschaftsschulen die immer erfolgreicher an der individuellen und dennoch gemeinsamen Bildung der Schüler/innen arbeiten. Die meisten sind übernachgefragt und erfreuen sich großer Unterstützung aus der Elternschaft. So auch die beiden Schulen in Reinickendorf: Lehrer, Eltern und Schüler wollen Gemeinschaftsschule werden und haben dafür die nötigen Entscheidungen in den Gremien getroffen – mit überwältigenden Mehrheiten. Der Senat befürwortet das pädagogische Konzept und auch die Bezirksverordnetenversammlung hat sich dafür ausgesprochen.

Dieser Beschluss passte der CDU nicht ins Drehbuch. Der Beschluss sei ja nur zu Stande gekommen, weil zwei CDU-Verordnete fehlten. Kurzerhand ließ man gestern erneut abstimmen, kippte den Beschluss und schlug damit den beiden Schulen die Tür vor der Nase zu.

Die Reinickendorfer CDU leistet damit einen bildungspolitischen Offenbarungseid. Aber was kann man schon erwarten von einer Stadträtin, deren bildungspolitische Kompetenz sich darin erschöpft nach mehr Geld, mehr Lehrern und mehr Selektion zu krakelen. Es ist Vorwahlkampf und da muss man wohl auf die Pauke hauen. Dass die CDU vielerorts in der Republik längst weiter ist als ihre West-Berliner Schwester mit Frontstadtmentalität kann man z.B. in NRW beobachten. Im Münsterland kämpfen viele CDU-Bürgermeister seit Jahren für Gemeinschaftsschulen.

Der Vorhang dieses aufgewärmten Stückes fällt dann spätestens am 18. September. Ob die CDU bis dahin merkt, dass sie allein im Theater sitzt? Berlin ist längst weiter.