Bundeswehr bildet Schüler

WERBUNG – Offiziere erzählen Schülern von den Jobmöglichkeiten bei der Truppe. Die sind sehr interessiert – angekündigte Proteste finden nicht statt

„Was hat die Bundeswehr in Afghanistan zu suchen?“ steht auf einem Plakat im Treppenhaus des Paulsen-Gymnasiums in Steglitz. In der fünften und sechsten Stunde sind zwei Oberleutnants der Bundeswehr, Christian Schneider und Michael Wils-Kudiabor, zu einer Informationsveranstaltung in die Aula gekommen, ihnen gegenüber sitzen 100 Schüler der 12. und 13. Klasse. Die uniformierten Männer reden über den Einsatz in Afghanistan – und die Berufsmöglichkeiten bei der Bundeswehr.

Veranstaltungen dieser Art mit Jugendoffizieren fanden im Jahr 2008 bundesweit knapp 6.500 Mal statt. Die Bundeswehr-Vertreter müssen eine Einladung der Schulleitung erhalten und die Inhalte der Vorträge mit Lehrkräften absprechen. Die Veranstaltungen werden als Unterricht behandelt, deshalb gibt es Anwesenheitspflicht. Die Jugendoffiziere sollen informieren, nicht rekrutieren.

Anders ist das bei Veranstaltungen des „KarriereTreffs Bundeswehr“. Diese Rekrutierungs-Veranstaltungen sollen mit bunten Werbebussen („KarriereTruck“), Kletterwänden und Filmvorführungen („Kino-Truck“) SchülerInnen und StudentInnen anwerben. Solche Touren mehren sich: 2008 besuchten bundesweit 103 Schulklassen und Stufen die Rekrutierungstrucks, in diesem Jahr waren es bereits 156 Klassen und Stufen. Micha Schmidt, Büroleiter der Landesschülervertretung Berlin, bekommt die Rückmeldung der Schüler: „Die Kampagne der Bundeswehr nimmt zu. Viele Schüler sind eher pazifistisch und wenden sich an uns um Hilfe.“ Peter Bauer von der Initiative „Bundeswehr wegtreten“ aus Köln bestätigt das: „Die Präsenz der Bundeswehr an Schulen nimmt massiv zu.“ Auch Linke-Landesvorstand Sebastian Schlüsselburg hatte vor der Veranstaltung die Schule aufgefordert, „eine ausgewogene Veranstaltung durch Einladung antimilitaristischer ReferentInnen sicherzustellen“.

Im Paulsen-Gymnasium sind die Schüler allerdings mehr an praktischen Fragen interessiert: Wie sieht der Tagesablauf eines Soldaten in Afghanistan aus? Ist das Gehalt eines Naturwissenschaftlers bei der Bundeswehr vergleichbar mit dem in der freien Wirtschaft? Von den beiden Oberleutnants lernen die Schüler, dass zu den Aufgaben der Bundeswehr die „Piratenjagd vor’m Horn von Afrika“ gehört und dass Offiziere so etwas wie „Manager in Uniform“ sind. Beiläufig erwähnt Oberleutnant Schneider das Einstiegsgehalt von 1.500 Euro. Ein Raunen geht durch die Steglitzer Schulaula.

Nicht alle Schüler sind damit einverstanden. Die „Gruppe Klassenkampf Süd-West“, ein Zusammenschluss von Schülern, die sich laut Webseite für „selbstbestimmte, hierarchiefreie Bildung ohne Leistungsdruck einsetzen“, hat im Vorfeld zum „aktiven Stören“ der Veranstaltung aufgerufen. Davon ist an diesem Mittwoch nichts zu spüren, die Polizisten, die zum Schutz der Veranstaltung am Schulausgang postiert sind, langweilen sich. In der Aula meldet sich nur ein 20-jähriger Schüler kritisch zu Wort: „Ich möchte mein Befremden ausdrücken, dass bei einer Diskussion nur einseitige Positionen auf dem Podium sitzen.“ Außerdem kritisiert er den Krieg in Afghanistan. Oberleutnant Schneider entgegnet: „Beim Wording müssen wir korrekt sein. Die Thematik ,Krieg‘ ist mit Vorsicht zu genießen.“

Autorin: Lisa Geiger | Quelle: taz vom 27.11.09

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